Drei Luftfahrtpioniere aus Württemberg

Hanns Klemm, Robert Lusser, Wolf Hirth

Die Ambivalenz technischer Forschung zeigt sich im Leben dreier Luftfahrtingenieure, die an der Technischen Hochschule Stuttgart studierten und deren Lebenswege sich auch später kreuzten. Während der eine, Robert Lusser, Hitlers "Wunderwaffe" V1 entwickelte, die 10.000 Menschen das Leben kostete, geriet der andere, Hans Klemm, in gefährlichen Konflikt mit den Nationalsozialisten, weil er seine Flugzeugfabrik nicht für die Rüstungsproduktion hergeben wollte.

Die drei Ingenieure arbeiteten zunächst in Böblingen nahe Stuttgart zusammen. Die Oberamtsstadt war ein frühes Zentrum der Luftfahrt im deutschen Südwesten geworden, nachdem sie 1915 von der Armee als Standort für die Fliegerersatzstaffel in Württemberg ausgewählt worden war. Diese Entscheidung hatte auch zur Ansiedlung der Daimler-Motoren-Gesellschaft mit einer Flugzeugfabrik in Sindelfingen geführt, wo jetzt der Standardmotor für die deutschen Jagdflugzeuge gebaut wurde. Zwar war nach dem Ersten Weltkrieg Schluss mit der Militärfliegerei, doch 1925 wurde in Böblingen der Landesflughafen Württembergs eröffnet.

Der Flughafen Stuttgart-Böblingen mit den Maschinen der Akademischen Fliegergruppe der Technischen Hochschule Stuttgart ca. 1928 (c)
Der Flughafen Stuttgart-Böblingen mit den Maschinen der Akademischen Fliegergruppe der Technischen Hochschule Stuttgart ca. 1928. Links das Versuchsflugzeug A2 von Wolf Hirth, rechts daneben die L20 von Hanns Klemm
Portraitaufnahme Hanns Klemm (c)
Hanns Klemm
Hanns Klemm mit dem Versuchsflugzeug L17 (c)
Hanns Klemm mit dem Versuchsflugzeug L17

Hanns Klemm (1885 - 1961)

Mit einer ungewöhnlichen Idee kam Hanns Klemm nach Böblingen. Seine Vision war ein leichtes Flugzeug für das Volk. Auch der so genannte "kleine Mann" sollte sich ein Fluggerät leisten können. So wurde von Hanns Klemm und Robert Lusser die L25 konstruiert und mit diesem Fluggerät errang Wolf Hirth seine großen Erfolge im Langstreckenflug.

Hanns Klemm hatte an der TH Stuttgart Bauingenieurwesen studiert und 1907 mit der Diplomprüfung abgeschlossen. Zunächst arbeitete er auch bei der Reichsbahn in diesem Bereich, ab 1909 als Assistent am Lehrstuhl für Brücken-, Tunnel- und Grundbau an der TH Stuttgart, wechselte jedoch während des Ersten Weltkriegs zum Luftschiffbau Zeppelin und später zu den Hansa-Brandenburg-Flugzeugwerken von Ernst Heinkel. 1918 kam er schließlich zur Daimler-Motoren-Gesellschaft als Chefkonstrukteur des Flugzeugbaus. Dort entwickelte er den Versuchs-Jagdeinsitzer Daimler L11. 

Foto: Hanns Klemm mit Mitarbeitern der Leichtflugzeugbau Klemm GmbH (c)
Hanns Klemm mit Mitarbeitern der Leichtflugzeugbau Klemm GmbH

Nach dem Ersten Weltkrieg arbeitete Klemm als Technischer Direktor des Karosseriebaus bei Daimler in Sindelfingen. Als 1923 die Einschränkungen für die Luftfahrtentwicklung in Deutschland gelockert wurden und Daimler 1926 die Flugzeugsparte abstieß, begann Klemm mit dem Aufbau seines eigenen Unternehmens in Böblingen.

Die Idee vom Leichtflugzeug hatte er schon verfolgt, als er noch bei Daimler beschäftigt war. Dort entstand die L15 als erstes Leichtflugzeug. Dann folgte die L20, die zuerst noch bei Daimler geplant wurde, dann aber von Klemm selbständig gebaut wurde. Robert Lusser stieß zu Klemm und entwickelte aus der L20 die L25, die über 1000mal gebaut wurde. Der komplett mit Sperrholz beplankte Rumpf erlaubte die Verwendung von stärkeren Motoren. Standard wurde später der Hirth-Motor mit 80 PS, der von Wolf Hirths Bruder Hellmuth gegründeten Hirth-Motoren GmbH gebaut wurde.

Mitte der Dreißiger Jahre befand sich die Leichtflugzeugbau Klemm GmbH mit über 800 Beschäftigten auf ihrem Höhepunkt. Hanns Klemm geriet jedoch zunehmend in Widerspruch zum nationalsozialistischen Regime, dessen Ziele er ablehnte, vor allem auch, weil sein Werk jetzt Rüstungsaufträge wahrnehmen musste und nicht mehr dazu diente, die Klemm'sche Ideen zu verwirklichen. Das Werk wurde wie viele andere Betriebe zwangsbewirtschaftet. Klemm wurde als Geschäftsführer entlassen und trat 1943 aus der NSDAP aus, ein Schritt, der für ihn nicht ungefährlich war.

Hanns Klemm überstand den Krieg, sein Flugzeugwerk wurde jedoch 1945 von den Alliierten als Reparationsgut demontiert. Aus gesundheitlichen Gründen hat Hanns Klemm den Flugzeugbau später nicht mehr aufgenommen. Er verstarb 1961.

 Literatur

  • Supf, Peter: Hanns Klemm. Der Schöpfer des Leichtflugzeugs. Stuttgart 1955.
  • Dr. Hanns Klemm: 1885-1961. Gedächtnisausstellung Im Höfle vom 30.11.1981 - 16.1.1982. Stadt Böblingen, Stadtarchiv. Böblingen, 1982.
  • Kens, Karlheinz: Klemm-Leichtflugzeuge L 20 und L 25 - Wunder von damals. In: Kultur und Technik 8 (1984). S. 158-164.
  • Stadt Böblingen (Hg.): Böblingen gedenkt seiner Fliegertradition : aus Anlaß von 100 Jahre Dr. Hanns Klemm, 1885-1961, 70 Jahre Militärflugplatz, 1915 - 1918, 60 Jahre Landesflughafen Stuttgart-Böblingen, 1925 - 1938 mit einer Ausstellung vom 24. April - 9. Mai 1985 im Foyer d. Sporthalle Böblingen / Ausstellung u. Katalog: Erich Kläger. Böblingen o.J.(um 1985).
  • Scholz, Günter: Zu Leben und Werk von Dr. Hanns Klemm. In: Als man in Böblingen noch in die Luft ging ... - Böblingen, 1990. S. 18-25.
  • Gütschow, Fred: Ein Tiefbau-Ingenieur ging in die Luft : vor 115 Jahren geboren: Hanns Klemm, der Schöpfer des Leichtflugzeugs. In: Flugrevue1990, 4., S. 55.
  • Hanns Klemm, der Schöpfer des Leichtflugzeuges: mit Zitaten aus dem Buch: "Hanns Klemm" von Peter Supf, Drei-Brunnen- Verlag, Stuttgart, 1955. In: Koenig der Lüfte. Ochsenhausen, 2000. S. 197-228.
  • Eberhard, Carola; Scholz, Günter (Hgg.): Böblingen und der Traum vom Fliegen. Calw/Böblingen 2000.
  • Scholz, Günter: Der Böblinger Luftfahrtpionier Hanns Klemm und sein Werk. In: Böblingen. Böblingen u. Filderstadt, 2003. S. 386-388.

Links

Bildquellen

  • Stadtarchiv Böblingen (Hans Klemm), Archiv der Akaflieg Stuttgart e.V. (Flughafen Stuttgart-Böblingen)

 

Portraitaufnahme von Robert Lusser (c)
Robert Lusser

Robert Lusser (1899 - 1969)

Robert Lusser hatte an der TH Stuttgart von 1919 bis 1924 Elektrotechnik studiert und mit dem Diplom abgeschlossen. Nach einer kurzen Tätigkeit bei Siemens-Schukert in Berlin wechselt er 1925 zur Leichtflugzeug Klemm GmbH. Lusser nahm an zahlreichen internationalen Flugwettbewerben teil. Wie Wolf Hirth gehörte er zur Fliegerelite der 1920er und 1930er Jahre.

Er verließ die Firma Klemm 1932 und ging zu den Ernst-Heinkel-Flugzeugwerken nach Warnemünde, danach zu Messerschmidt, wo er an der Entwicklung des Jägers Me 109 maßgeblich beteiligt war. Danach arbeitete er wieder bei Heinkel an der Entwicklung der He 280, einem Jagdflugzeug mit Düsentriebwerken.

Robert Lusser gilt zusammen mit Fritz Gosslau als Vater der V1, des ersten Marschflugkörpers, der zusammen von den Firmen Fieseler und Argus entwickelt wurde. Fieseler war für Rumpf und Flügel verantwortlich, während Argus (Gosslau) das Triebwerk lieferte. Ab Juli 1944 wurde diese Flugbombe gegen England und Belgien eingesetzt. Sie kostete 10.000 Menschen das Leben. Im Konzentrationslager Dora-Mittelbau in Thüringen, wo in unterirdischer Produktion die V2-Rakete des Wernher von Braun gebaut wurde, mussten 300 ungarische Juden auch die V1 montieren. Insgesamt wurden 30.000 Exemplare der V1 hergestellt. Lusser war in dieser Zeit auch Lehrbeauftragter für Flugzeugkonstruktion an der TH Stuttgart. Die zahlreichen Fehlschläge bei der Erprobung der V1 führten Lusser zu einem wissenschaftlichen Thema, für das er bald zum gefragten Experten wurde: der Zuverlässigkeit komplexer technischer Systeme

Foto: Eine V1 wird 1944 zum Startplatz gerollt. (c) Bundesarchiv Bild 146-1973-029A-24A / Foto: Lysiak
Eine V1 wird 1944 zum Startplatz gerollt
Foto: Skibindung nach Robert Lusser (c)
In den 1960er Jahren entwickelte Robert Lusser eine Skibindung, hatte aber kein Glück bei der Vermarktung dieser Erfindung.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Lusser wie viele andere Wissenschaftler und Ingenieure in die USA geholt und konnte dort unter anderem für die amerikanische Marine und Armee arbeiten, wobei ihn letztere als Sachverständigen für Raketenprojekte heranzog. 1959 kehrte er nach Deutschland zurück. Weil er in einer Analyse dem neuen Kampfflugzeug der Bundeswehr, dem Starfighter, die Zuverlässigkeit absprach, war er heftigen Anfeindungen ausgesetzt. Die tragische Entwicklung gab ihm jedoch Recht, denn fast dreihundert Maschinen dieses Typs stürzten über der Bundesrepublik ab.

Literatur und Film

  • Holzer, Hans: Lusser, Robert. In: Neue Deutsche Biographie Bd. 15 (1987), S. 534f.
  • Robert Lusser und die V1. Hitlers Ingenieur für die "Wunderwaffe". Dokumentarfilm (45 Min.) von Petra Reinfelder und Benedikt Burkard. Erstausstrahlung am 10. 1. 2008 im SWR-Fernsehen
     

 Links

Bildquellen

 

Portraitaufnahme: Wolf Hirth (c)
Wolf Hirth

Wolf Hirth (1900 - 1959)

Wolf Hirth stammte aus Meimsheim bei Heilbronn. Sein Vater wurde als schwäbischer Edison bezeichnet. Er gründete mehrere Firmen, die durchaus erfolgreich waren. Wolf Hirths älterer Bruder Hellmuth war einer der ersten bekannten Flieger in Deutschland. Er gründete nach dem Vorbild seines Vaters 1931 seine eigene Firma. Hier entstanden Flugzeugmotoren, mit denen auch Klemms L25 standardmäßig ausgerüstet wurden. Hellmuth Hirth konnte sich nicht zu einer akademischen Ausbildung durchringen, bedauerte dies aber später sehr und achtete darauf, dass sein jüngerer Bruder Wolf sein Studium nicht vernachlässigte.

Wolf Hirth studierte an der Technische Hochschule Stuttgart und verfasste seine Diplomarbeit über die Konstruktion eines Langstreckenflugzeugs. Er gehörte zu den ersten Gleit- und Segelfliegern, die sich nach dem Ersten Weltkrieg auf der Wasserkuppe in der Rhön trafen. Zusammen mit seinen flugbegeisterten Freunden gründete er die heute noch sehr aktive akademische Fliegergruppe Stuttgart, die Akaflieg.

Wolf Hirth (2. v.l.) mit seinem Versuchsflugzeug Hirth A2 (c)
Wolf Hirth (2. v.l.) mit seinem Versuchsflugzeug Hirth A2

Wolf Hirth gehörte zu den bedeutenden Sportfliegern der 1920er und 1930er Jahre. Er konnte zahlreiche Langstreckenflüge erfolgreich abschließen und gewann u.a. 1929 den Hindenburg-Pokal. Ein Langstreckenflug nach Amerika endete jedoch vorzeitig in Island. Wolf Hirth fuhr trotzdem mit dem Schiff und dem eingepackten Flugzeug in die USA und machte dort das Segelfliegen mit seinem Flug über New York bekannt. Eine Reise nach Japan folgte. 

Zusammen mit Martin Schempp gründete er 1935 die später in Kirchheim/Teck ansässige Firma Flugzeugbau   Schempp-Hirth. Wolf Hirth gliederte 1940 einen eigenen Betrieb aus, die Wolf Hirth GmbH in Nabern. Hirth war Anfang der Dreißiger Jahre hauptberuflich als Dozent an der TH Stuttgart beschäftigt.

Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurde der Segelflugzeugbau fast eingestellt. Man war mit der Überholung und Reparatur von Motorschulflugzeugen der Firma Klemm für die Luftwaffe beschäftigt. Im Verlauf des Krieges fertigte man Teile für Flugzeuge, z. B. Leitwerke, Teile der Leitwerksgruppe des Jagdflugzeugs Me Bf 109, Segelflugzeuge für Schulungszwecke und Prototypen und Modelle. Die Belegschaft wurde aufgestockt und Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter in großer Zahl vor allem in der Leitwerksproduktion beschäftigt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm Hirths Firma die Produktion von Segelflugzeugen wieder auf. Bei einem Segelflug 1959 verlor Wolf Hirth das Bewusstsein und wurde tot aus seinem Flugzeug geborgen.

Volker Ziegler

Literatur

  • Heiss, L.: Vater - Hellmuth - Wolf. Erfinder - Rennfahrer - Flieger. Stuttgart 1949.
  • Akademische Fliegergruppe Stuttgart e. V. (Hg.): Akademische Fliegergruppe Stuttgart e.V. 1926-1976. Ditzingen 1976.
  • Blumenthal, Stefan: Albert Hirth und seine Söhne Hellmuth und Wolf : eine schwäb. Erfinderfamilie. In: Schwäbische Tüftler und Erfinder. Stuttgart 1986. S.[112]-121.
  • Dinkel, Thilo: Hirth, Kurt Erhard Wolfram : gen. "Wolf", Pionier des Segelflugs. In: Baden-Württembergische Biographien. 3 (2002), S. 154-157.
  • Aders, Gebhard: Die Schempp-Hirth-OHG in Kirchheim unter Teck und die Wolf-Hirth-GmbH in Nabern im Zweiten Weltkrieg. In: Stadtbrand 1690, Landmiliz, Lateinschüler, Wollmarkt, Schempp-Hirth und Wolf Hirth, Heimatvertriebene und Flüchtlinge, Ehrenbürger. Kirchheim unter Teck 1990. S. 109-127.
  • Bellinger, Otto: Wolf Hirth: ein Pionier des Segelfliegens. In: Frühe Luftfahrtaktivitäten im Raum Stuttgart. Bonn 2004. S. 77-90.

Links

Bildquellen

  • Alle Bilder: Archiv der Akaflieg Stuttgart e.V.

 

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